Akupunktur

Leitbahnen und Qi-Fluss

Um die chinesische Medizin und Akupunktur bzw. bestimmte Akupunktursysteme zu verstehen, muss man sich mit den Leitbahnen (Meridianen) bzw. der Meridiantheorie beschäftigen.

Weitere Grundlagen für das Verständnis der TCM kommen aus der chinesischen Philosophie bzw. traditionellen Prinzipien und den zugehörigen (medizinischen) Beobachtungen oder Übertragungen, z.B. dem Buch der Wandlungen I Ching, dem stetigen Wandel und Wechsel des TaiChi mit Yin und Yang, (u.a. in Tagesverläufen, Jahreszeiten), der 5-Elementen-Lehre etc.

Wasserwege hatten im alten China schon große Bedeutung, daher ist es nicht verwunderlich, dass man in der traditionellen chinesischen Medizin und den empirischen Beobachtungen die Leitbahnverläufe, die man im menschlichen Körper entdeckt oder postuliert hat, mit Wasserwegen verglichen und entsprechend bezeichnet hat. Dieser Vergleich findet sich auch in den Bezeichnungen von bestimmten Akupunkturpunkten wieder (Shu-Transport-Punkte: Brunnen, Quelle, etc.).

Im Körper finden sich 12 Hauptleitbahnen (JingMai = Pfad, Weg, Bahn, vertikale Richtung implizierend) und 16 Netzleitbahnen (LuoMai, luo = Netz, horizontale Richtung implizierend,) sowie 8 außerordentliche Gefäße.

Haupt- und Netzleitbahnen sind in der traditionellen Vorstellung mit Flüssen, Bächen oder Kanälen als Transportwege zu vergleichen, außerordentliche Gefäße als Seen bzw. Reservoire, Überlaufbecken, Qi entsprechend als Wasser. „Mai“ kann auch mit Blut übersetzt werden, womit man hier auch eine Parallele zu den Blutgefäßen hat, in denen das chinesische „Xue“ fließt.

Des Weiteren gibt es 12 Muskelleitbahnen und 12 kutane Regionen.

Also wie das Wasser durch Wasserwege fließt, fließt analog das Qi durch die Leitbahnen des Körpers.

Wo genau die Leitbahnen liegen, wie sie verbunden sind und wie, wann und in welche Richtung das Qi fließt ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der chinesischen Medizin, Pathologie und die Wirkung von Akupunktur oder auch Akupressur und Tuina.

Es gibt die 12 Hauptleitbahnen (Meridiane) jeweils parallel auf beiden Körperseiten rechts und links, Diese Leitbahnen sind Lunge, Dickdarm, Magen, Milz, Herz, Dünndarm, Blase, Niere, Pericard, 3fach-Erwärmer, Gallenblase, Leber.

Diese Aufreihung ist nicht willkürlich, sie zeigt schon die Reihenfolge des Qi-Flusses durch die Leitbahnen über 24 Stunden, u.a. auch dargestellt als chinesische Organuhr.

Dazu kommen die Leitbahnen Du Mai und Ren Mai, die vorne bzw. hinten in der Körpermitte quasi als Ring vom Kopf bis zum Schambereich/Analbereich führen.

6 der Hauptleitbahnen sind Yang und verlaufen meist der Oberfläche und auf dem Rücken und der Körperaußenseite (lateral) bzw. Oberseite/Außenseite der Gliedmaßen, Ausnahme Magenleitbahn (Körpervorderseite)..

6 der Leitbahnen sind Yin und laufen hauptsächlich auf der Körpervorderseite bzw. Innenseite/Unterseite der Gliedmaßen.

Besonders die Yin-Leitbahnen haben auch einen tiefen Verlauf im Brust- oder Bauchraum.

Für die Akupunktur sind jedoch zumeist die oberflächlichen Verläufe der Leitbahnen interessant.

Es sind jeweils 2 Leitbahnen von oben nach unten (bzw. umgekehrt) miteinander gekoppelt.

An den jeweiligen Endpunkten an den Extremitäten erfolgt der Übergang nach oben genannter Qi-Fließrichtung, ebenso an den Kontaktpunkten der Leitbahnen im Körperinneren.

Es sind jeweils 2 Leitbahnen von außen nach innen (bzw. umgekehrt) gekoppelt.

Jeweils 3 Leitbahnen laufen meist etwa parallel auf der Innen- bzw. Außenseite (bzw. Vorderseite/Rückseite) und sind somit jeweils auch nachbarschaftlich in Kontakt.

Das klingt nur rein beschrieben etwas abstrakt. Wie sieht das bildlich und anatomisch aus?

Hier verweise ich auf jeden Fall auf einschlägige Akupunkturlehrbücher bzw. Atlanten, die genaue Verläufe der Leitbahnen aufzeigen.

Skizzen zu den Leitbahnverläufen folgen

Wie kommt nun das Qi, die „Energie“ dazu, durch die Leitbahnen zu laufen.

Hier hilft unserem westlichen Denken das Konzept, den Fluss von Qi mit der Umwandlung von Energieformen von potentielle in kinetische Energie und umgekehrt zu vergleichen, so wie wir es wahrscheinlich im Physikunterricht schon einmal gehört haben.

In der chinesischen Medizin wird der Kopf als der höchste Punkt mit der maximalen potentiellen Energie betrachtet, die Arme und Beine als mittleres Energieniveau, der Brustkorb als niedrigstes Niveau. Qi fließt nun in einer Art Berg- und Tal-Fahrt bzw. graphisch dargestellt als Kreis bzw. Sinuskurve zwischen Kopf und Thorax über Beine bzw. Arme unter Änderung des kinetischen Energiegehalts zwischen den Punkten höchster und niedrigster potentieller Energie im Kreis bzw. in hintereinandergeschalteten Kreisen/Umläufen. Ein Pendel funktioniert so ähnlich. Unten ist die minimale potentielle Energie, an den höchsten Punkten der Seiten die höchste potentielle Energie, dazwischen ja nach Schwung bzw. Geschwindigkeit mehr oder weniger kinetische Energie.

Wenn wir dann die äußeren Meridianverläufe betrachten, dann der Startpunkt der Qi-Energie-Betrachtung bei Lu 1, Brustkorb, aufsteigend Richtung Daumenspitze, dort Übergang in die Dickdarmleitbahn weiter aufsteigend zum Kopf bis Di 20, dann Übergang in die Magenleitbahn bis zum Thorax und weiter bis zum Fuß, dort Übergang in die Milz-Leitbahn zurück zum Thorax. Damit ist der 1. Umlauf beendet und analog startet der 2. Umlauf mit der Herz-Leitbahn im Thorax.

Um die Fließrichtung der Meridiane zu verstehen, muss man etwas umdenken, oder sich den Körper liegend mit ausgebreiteten Armen vorstellen. Z.B. sinkt die „potentielle Qi-Energie“ von den Füßen bis zum Thorax. Wenn man als Mensch aufrecht steht, läuft der Milzmeridian jedoch aufwärts. Der Lungenmeridian läuft am herabhängenden Arm abwärts, die „potentielle Qi-Energie“ steigt jedoch (über Di-Leitbahn weiter Richtung Kopf) Das kann evtl. zu etwas Verwirrung führen.

Diese Verläufe und Energiezustände muss man sich in Erinnerung rufen, wenn man in der Akupunktur und Meridiantherapie, der Akupunktur nach Tung oder Balance Methode (Dr. Tan) über den Ausgleich bzw. die Balancierung von Meridianen spricht, nach denen jeweils geeignete Akupunkturpunkte oder zu nadelnde Regionen ausgesucht und bestimmt werden.

Welcher Meridian ist durch Beschwerden betroffen? Einer oder mehrere? Welcher Meridian wirkt ausgleichend und balancierend? Welche Region oder welche konkrete Stelle macht Beschwerden? Welche Stelle(n) auf welchem Meridian/welchen Meridianen kann zum Ausgleich und zur Therapie genadelt werden? Falls man eine Auswahl an mehreren möglichen zu nadelnden Regionen hat, was meist der Fall ist, welche ist/sind die effektivste(n)? Oder welche sind für die Behandlung am günstigsten erreichbar?

Es gibt in der Balance-Methode verschiedene Systeme, aufgebaut nach den Meridianverläufen und verschiedenen Zuordnungen nach den verschiedenen oben genannten Prinzipien bzw. Theorien, die je nach Beschwerden geeignet angewendet werden.

Dr. Tan hat z.B. verschiedene Balance-Systeme beschrieben und daraus z.B. das Konzept der 12 magischen Punkte entwickelt.

Master Tung hat auch entsprechende Balance-Systeme verwendet und dazu aus der überlieferten Familientradition der Akupunktur heraus seine eigene Methode entwickelt (nach der open-close-pivot Theorie & außerordentlichen Zang-Fu Verbindungen) bzw. spezielle Master-Tung-Akupunktur-Punkte definiert, z.B. die Dao-Ma-Technik.

Soweit zu den ersten Informationen über die Grundlagen der Meridiane und ihren Beziehungen, die für die Therapie durch Akupunktur wichtig sind.

Zu TCM-Akupunktur, der Balance-Methode der Akupunktur und Master-Tung-Akupunktur schreibe ich weiter an anderer Stelle dieser Homepage.

Leitbahnen: Gehen wir noch etwas ins Detail

Wie schon beschrieben, beginnt der Kreislauf in den 12 Hauptleitbahnen mit der Lungenleitbahn im Thorax an Lu 1.

Wenn man sich den Gesamtverlauf ansieht, kann man diesen Verlauf in 3 Abschnitte mit jeweils 4 Leitbahnen unterteilen, Beginn bzw. Ende jeweils im Thorax.

Lunge-Dickdarm-Magen-Milz

Herz-Dünndarm-Blase-Niere

Pericard-3Erwärmer-Gallenblase-Leber

Jeder der drei Abschnitte beginnt und endet mit einer Yin-Leitbahn.

Das Muster ist also Yin-Yang-Yang-Yin.

In der ersten Hälfte jedes Abschnitts steigt die potentielle Qi-Energie, in der zweiten Hälfte fällt sie.

Die beiden Yang-Leitbahnen eines Kreislaufs sind an der Körperoberfläche direkt verbunden, an den Kontaktstellen im Kopfbereich.

Diese Yang-Leitbahnen können daher quasi als eine durchgehende Leitbahn angesehen werden, was von therapeutischer Bedeutung ist.

Fern-Akupunktur-Punkte auf diesen durchgehenden Yangleitbahnen an den Händen/Armen und Füßen/Beinen sind ähnlich in ihren Wirkungen und mitunter fast austauschbar.

Dickdarm-Magen

Dünndarm-Blase

3Erwärmer-Gallenblase

Die Yin-Leitbahnen sind im Brustkorb verbunden, jedoch nicht oberflächlich und nicht ganz so direkt wie die oberflächlich verlaufenden Yang-Leitbahnen.

Lunge -Milz

Herz Niere

Pericard-Leber

An den Fingern bzw. Zehen erfolgt der Übergang von den Yang-Leitbahnen zu den Yin-Leitbahnen.

Diese Regionen an Fingern und Händen bis ca. zu den Ellenbogen bzw. Knien sind sehr reaktive Regionen, die in der (Fern-) Akupunktur therapeutisch genutzt werden. Auch Regionen an Oberarmen und Oberschenkeln sind sehr effektiv. Dieses Prinzip findet z.B. auch in der Master-Tung-Akupunktur stark Verwendung.

Lunge-Dickdarm

Herz-Dünndarm

Pericard-3Erwärmer

Magen-Milz

Blase-Niere

Gallenblase-Leber

Kommen wir nochmal zurück auf den Rhythmus des Qi im Verlauf der Leitbahnen, im Laufe des Tages und den Beziehungen zwischen Yin und Yang und den 5 Elementen.

Aus der TCM kennen wir den Wechsel von Yin und Yang im Tagesrhythmus.

Morgens früh ist das Yin maximal, das Yang auf mittlerem Niveau

Um die Mittagszeit ist das Yang am höchsten, Yin am niedrigsten.

Am Abend und in der Nacht ist Yin mittel, Yang ist am niedrigsten.

Der Verlauf der Qi-Energie in den Yang- bzw. Yin-Leitbahnen im Laufe des Tages ist vergleichbar diesem Yin-Yang-Verlauf und -Wechseln im Tagesverlauf.

Wenn wir das mathematisch bzw. graphisch betrachten, haben wir einen kreisförmigen Verlauf, wie auf einer Uhr (siehe auch Organuhr der TCM).

Wenn wir einen regelmäßigen kreisförmigen Verlauf im Laufe der Zeit mathematisch/graphisch darstellen, erhalten wir eine wellenförmige Sinuskurve.

So ergeben sich verschiedene, zeitlich versetzte Sinuskurven für Yang und Yin bzw. den Verlauf von Qi in den verschiedenen Leitbahnen.

Der Wellenberg entspricht der höchsten Qi-Energie (Yang Qi) bzw. dem höchsten Yang, entsprechend für Yin, entsprechend ein Wellental für die niedrigsten Werte von Yang, Yin und Qi (Yang/Yin).

Dazwischen finden sich die Übergangswerte, genau an den jeweiligen Wendepunkten der Kurven in der Mitte zwischen Berg und Tal könnte man das „mittlere, helle“ („lesser, brighter“) Yang bzw. Umkehr- (lesser) Yin zu lokalisieren.

Weil sich die Richtung der Kurve umkehrt (wenn man sie entlangfährt, bedeutet der Wendepunkt ein Wechsel von „Rechtskurve“ zu „Linkskurve“ oder umgekehrt) läßt sich auch der Begriff „Umkehr-Yin“ verstehen.

(Wahrscheinlich sollte man den ganzen Bereich und nicht nur den konkreten Wendepunkt als „lesser“ betrachten, Yin und Yan als auch Qi sind ja immer im Fluß und ständigem Wechsel.)

Dieser Verlauf durch die Leitbahnen in der oben genannten Reihenfolge über 24 Stunden findet sich auch in der chinesischen Leitbahnuhr/Organuhr dargestellt.

Jeder Leitbahn ist ein Zeitraum von 2 Stunden zugeordnet, beginnend mit Lunge um 3-5 Uhr in der Nacht, endend mit Leber von 1-3 Uhr in der Nacht.

So ergeben sich Zuordnungen der Leitbahnen nach Yin und Yang und der Quantität von Qi.

Die Leitbahnen mit dem größten Yang und größter Qi-Quantität heißen taiyang (großes Yang), die Bahnen mit dem größten Yin und größter Qi-Quantität heißen taiyin (Großes Yin).

Taiyang sind Dünndarm & Blase (Hand-Taiyang bzw. Fuß-Taiyang)

Taiyin sind Lunge & Milz (Hand-Taiyin bzw. Fuß-Taiyin)

Entsprechend gelten Kleines Yin shaoyin und Kleines Yang shaooyang

Shaoyang sind 3Erwärmer & Gallenblase (Hand-Shaoyang bzw. Fuß-Shaoyang)

Shaoyin sind Herz & Niere (Hand-Shaoyin bzw. Fuß-Shaoyin)

Die Übergangsphasen zwischen niedrigstem und höchstem Yang bzw. Yin sind das „milltere“ „durchschnittliche“ („lesser“)  Yan bzw. Yin.

Wobei das Yin hierbei je nach Übersetzung Umkehr-Yin (lesser yin) genannt wird (jueyin) und das Yang Helles Yang (lesser Yang, bright Yang) (yangming).

Jueyin sind Perikard-Leber (Hand-Jueyin bzw. Fuß-Yueyin)

Yangming sind Dickdarm-Magen (Hand-Yangming bzw. Fuß-Yangming).

Mit diesem Wissen kann man die Leitbahnen zueinander in verschiedene Beziehungen setzen.

Im 1. Umlaufblock der Leitbahnen haben wir

            gleiche pot. Energie

Lunge   ————————–       Dickdarm                     Metall

            Yin                                           Yang

Milz     —————————-       Magen                         Erde

Lunge und Dickdarm     haben die gleiche potentielle Energie (Qi),

Milz und Magen            aber unterschiedliche Polarität (Yin/Yang)

Lunge und Milz             haben die gleiche Polarität (Yin), aber unterschiedliche potentielle Energie

Dickdarm und Magen    haben die gleiche Polarität (Yang), aber unterschiedliche potentielle Energie

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Lunge und Dickdarm Metall    

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Milz und Magen Erde

Entsprechend lassen sich die anderen beiden Umlaufblöcke in Beziehung setzen

Im 2. Umlaufblock der Leitbahnen haben wir

            gleiche pot. Energie

Herz     ————————–       Dünndarm                    Feuer

            kleines                                     großes

            Yin                                           Yang

Niere     —————————-     Blase                          Erde

Herz und Dünndarm      haben die gleiche potentielle Energie (Qi),

Niere und Blase            aber unterschiedliche Polarität (Yin/Yang)

Herz und Niere              haben die gleiche Polarität (Yin), aber unterschiedliche potentielle Energie

Dünndarm und Blase    haben die gleiche Polarität (Yang), aber unterschiedliche potentielle Energie

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Herz und Dünndarm Feuer

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Blase und Niere Wasser

Im 3. Umlaufblock der Leitbahnen haben wir

                gleiche pot. Energie

Pericard   ————————–    3Erwärmer                    Ministerfeuer

            Umkehr (mittleres)                    kleines

            Yin                                           Yang

Leber    —————————-     Gallenblase                 Holz

Pericard und 3Erwärmer           haben die gleiche potentielle Energie (Qi),

Leber und Gallenblase             aber unterschiedliche Polarität (Yin/Yang)

Pericard und Leber                   haben die gleiche Polarität (Yin), aber unterschiedliche pot. Energie

3Erwärmer und Gallenblase      haben die gleiche Polarität (Yang), aber unterschiedliche pot. Energie

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Pericard und 3Erwärmer Ministerfeuer

Nach der 5-Elemente-Lehre sind Leber und Gallenblase Holz

Was heißt das nun für die Akupunktur und die Klinik?

Wie oben schon geschrieben, findet an den Fingern und Zehen der Kontakt und Übergang von den Yin-Leitbahnen zu den Yang-Leitbahnen statt bzw. umgekehrt.

Es findet hier also ein Wechsel der Polarität der Leitbahnen von Yin zu Yang bzw. umgekehrt statt.

Das bedeutet in der Praxis, dass die Regionen von den Ellenbogen bis zu den Fingern und vom Knie bis zu den Zehen besonders reaktive Zonen sind mit besonders effektiven dynamischen Akupunkturpunkten, an denen man das Qi effektiver beeinflussen kann als an anderen Stellen des Körpers. Klinisch ist das sehr bedeutend und wird besonders auch in der Master Tung Akupunktur stark genutzt. Aus der 5-Elemente-Lehre sind diese Leitbahnverbindungen wohlbekannt und im therapeutischen Einsatz, also Leber-Gallenblase-Holz oder Lunge-Dickdarm-Metall.

Ebenfalls klinisch wichtig sind Leitbahnverläufe gleicher Polarität, aber unterschiedlicher bzw. entgegengesetzter potentieller Energie, also z.B. Lunge und Milz (Yin) mit ansteigender bzw. fallender potentieller Qi-Energie oder für Yang-Leitbahnen z.B. Dickdarm-Magen.

Wichtig ist hier, wie oben schon angedeutet, dass diese zusammengehörenden Yang-Leitbahnen quasi als eine durchgehende Leitbahn betrachtet werden können. Klinisch bedeutet das eine ähnliche Reaktivität bzw. Wirkung der entsprechenden Akupunkturpunkte auf der Arm-Leitbahn und der verbundenen Bein-Leitbahn. Diese Punkte sind somit fast austauschbar, wie z.B. hegu (Di4) und neiting (M44). Falls also ein Akupunktur-Punkt auf einer Yang-Leitbahn am Arm therapeutisch nicht zugänglich ist, kann man ggf. einen entsprechenden Punkt am Bein alternativ verwenden, und umgekehrt natürlich.

Gehen wir weiter mit den Beziehungen und Lage der Leitbahnen.

Nehmen wir z.B. als Beispiel die Lage der Yin Leitbahnen am Unterarm,Unterseite/ Innenseite (anterior, Handflächenseite).

Auf der Daumenseite (Lungenleitbahn) läuft das große Yin, auf der Kleinfingerseite (Herz) das kleine Yin, und dazwischen (Pericard) das Umkehr-Yin.:

Die Yang-Leitbahnen verlaufen am Unterarm auf der Oberseite/Außenseite (Handrückenseite) entsprechend parallel den Yin Leitbahnen, auf der Daumenseite das helle Yang (Dickdarm), auf der Kleinfingerseite das große Yang (Dünndarm) und das kleine Yang dazwischen (3Erwärmer).

Am Kopf ist hinten das große Yang, vorne im Gesichtsbereich das helle Yang (Dickdarm/Magen) und das kleine Yang dazwischen (seitlich) (3E, GB).

Wir haben also 3 Yang- und 2 Yin-Leitbahnen (Theorie der 3 Yang und 3 Yin)

Diese Theorie der 3 Yang und 3 Yin Leitbahnen wurde in dem klassischen Buch Neijing (The Yellow Emperor´s  inner classic) weiterentwickelt zu der Theorie „open-close-pivot“.

Dabei wurde in diesem Schriften festgelegt:

Open sind jeweils taiyin und taiyang

Pivot ist der Angelpunkt, das Scharnier, shao yin bzw. shao yang.

Close sind jueyin bzw. yangming.

Diese Anordnung mag man sich in etwa so vorstellen:

Das große Yang öffnet sich zur Yang-Oberfläche, ist also „open“.

Bei dieser Yang-Oberfläche kann man sich u.a. auch die äußere Körperoberfläche vorstellen.

Das große Yin öffnet sich ebenfalls zu einer Yin-Oberfläche, ist also auch „open“, jedoch in eine andere Richtung, zu einer anderen Oberfläche als das große Yang. Diese Oberfläche richtet sich quasi zur innersten Schicht des Körperinneren bzw. entspricht dieser, wobei man sich das räumlich nicht so gut vorstellen kann wie vielleicht die Haut/Epidermis als Yang-Oberfläche des großen Yang.

Das helle Yang und das Umkehr-Yin entsprechen den jeweils inneren Seiten der 3 Yang bzw. 3 Yin Bereiche. Da sie sich nicht zu einer Yang- oder Yin-Oberfläche öffnen, werden sie als „close“ (geschlossen) bezeichnet.

Als Scharnier bzw. Drehpunkt zwischen diesen beiden Seiten oder Flächen fungiert das kleine Yang bzw. kleine Yin.

Vielleicht kann man sich bildlich diese Anordnung etwa vorstellen als zwei hintereinander liegende „Saloon-Türen“ eines Restaurants.

Bei der 1. Tür zur Straße hin öffnet sich die äußere Türseite ganz nach außen, offen,  zur Straßenseite.

Diese Türseite entspricht dem großen Yang.

Die andere Türseite dieser Tür zeigt und öffnet sich Richtung Innenraum zum Restaurantbereich.

Diese Türseite entspricht dem Yangming, hellem Yang.

Die Türangel, das Scharnier entspricht shaoyang, kleines Yang.

Die „aüßere“ Türseite der 2. Tür, die hinter der 1. Tür in Richtung Restaurantraum angebracht ist, weist in Richtung der 1. Tür (Richtung Straße) und entspricht dem shaoyin, dem kleinen Yin.

Die innere Turseite dieser 2. Tür öffnet sich ganz offen zum Innenraum, entspricht dem großen Yin.

Die Türangel dieser 2. Tur entspricht dem Umkehr-Yin.

Man erkennt, dass sich die zum Innenraum weisende Türseite der 1. Tür (Straßentür) und die zur Straße weisende Türseite der 2. Tür (Restaurantraumtür) nicht in einen freien Raum öffnen können, daher gelten sie als „close“, geschlossen.

Man sieht also, dass die „Oberflächen“ des großen bzw. kleinen Yang / Yin in verschiedene Bereiche zeigen.

Klinisch sind diese verschiedenen „Schichten“ von Bedeutung, wenn man nach chinesischer Denkweise sich eine durch Wind verursachte Erkrankung vorstellt, z.B. eine Erkältung oder Infektion.

Eine solche äußere Wind-Erkrankung wird immer zuerst eine Oberfläche angreifen, also z.B. das Taiyang, und sich je nach Abwehrkraft immer weiter nach innen vorarbeiten, bis im ungünstigsten Fall zum innersten Yin. Das deckt sich z.B. mit der chinesischen Erklärung einer Schädigung des Nieren-Qi, wie es z.B. bei schweren Autoimmunerkrankungen der Fall ist, die u.a. auch viral von außen ausgelöst werden können oder des Herzens, wie nach einer Grippe (Myokarditis).

Je eher man also bei einer solchen Winderkrankung eingreifen kann, umso geringer können die Folgen sein. Eine ähnliche Denkweise findet man auch im Ayurveda. Wenn dort die inneren Körperschichten bzw. tieferen ayurvedischen Gewebe geschädigt sind, liegt eine sehr ernsthafte Erkrankung vor und es braucht es lange, ein gesundes Gleichgewicht wiederherzustellen. Fortgeschrittener Hashimoto zählt z.B. im Ayurveda zu solchen Erkrankungen, der in der TCM u.a. durch Stärkung des Nieren Qi behandelt wird, z.B. durch Akupunktur

Um sich den Verlauf der Leitbahnen am Körper und die Zuordnung nach open-close-pivot zu verdeutlichen, ist es gut, sich eine (offene) Faust (von vorne gesehen) oder eine Hand bzw. einen Fuß von vorne/oben zu betrachten.  

Nehmen wir die Hand:

Außenseite Daumen mit Lu (taiyin, open,

Zeigefinger zum Daumen hin Di (shaoyang close), Mittelfinger Pericard (jueyin close)  –

Ringfinger 3E (shaoyang pivot), Herz (kleiner Finger Innenseite, shaoyin, pivot),

außen am kleinen Finger Dü (taiyang, open)

Nehmen wir den Fuß:

Außenseite (= Fußinnenseite) am großen Zeh Mi (taiyin, open), großer Zeh, Seite zum 2. Zeh hin Le (jueyin, close), 2. Zeh Ma (yangming, close), kleiner Zeh Außenseite Bl (taiyang, open), zwischen dem 2. und 3. Zeh Ni (shaoyin, pivot), am 4. Zeh Gb (shaoyang, pivot).

Bei den Yang-Leitbahnen am Unterarm, Oberseite/Außenseite:

Wenn man den Arm herabhängen läßt, mit dem Handrücken nach vorne, liegt die Dü-Leitbahn maximal außen (großes Yang, open) , die Di-Leitbahn (helles Yang) weist am meisten zum Körper hin (Richtung innen, Yin / Yin-Oberfläche, close), die 3E-Leitbahn ist das Scharnier/die Verbindung (kleines Yang).

Am Körper läuft die GB-Leitbahn an der Körperseite als Pivot.

Die Blasenleitbahn läuft als großes Yang parallel zur Wirbelsäule open

Die Magenleitbahn läuft auf der Körpervorderseite als helles Yang close in der Nähe der Yin-Leitbahnen Milz, Niere und Leber (Verläufe teils im Inneren des Körpers und nicht an der Oberfläche)

An den Beinen und Füßen läuft Yang GB als pivot an der Außenseite weiter, Blase als großes Yang open auf der Bein-Rückseite, und Fuß-Außenseite etwa parallel GB. Magen als yangming close auf der Beinvorderseite und Fußoberseite…

Die Yin-Leitbahnen am Unterarm/Arm lassen sich durch das Modell an der Hand zuordnen:

Die Lungenleitbahn (großes Yin, open) vom Daumen und an der Arminnenseite entlang weist so Richtung Körper nach innen (offen zur Körpermitte, zum Inneren), Die Herzleitbahn (JueYin) am kleinen Finger (pivot), die Pericardleitbahn (close) muß man von der Hand ableiten.

Am Oberkörper laufen die Yin-Leitbahnen vorwiegend im Körperinneren.

An den Beinen laufen Niere (pivot) , Milz (open) und Leber (close) auf der Innenseite und angrenzenden Rückseite das Bein entlang bzw. Ni teils Unterseite vom Fuß. Die Wadenrückseite ist hauptsächlich Blase, großes Yang, open.

Laut dieser Theorie geht dann in der Darstellung der Beziehungen der Leitbahnen noch weiter:

Es wird gesagt, dass die Eigenschaften „open“ bzw. „close“ bedingen, dass es (trotz der Öffnung zu anderen Bereichen) eine Verbindung zwischen jeweils offenen und geschlossenen Leitbahnen gibt.

Demnach gibt es eine Verbindung Taiyin zu Taiyang  (jeweils open) sowie zwischen Yangming und Jueyin (jeweils close) gibt und Shaoyin und Shaoyang (jeweils pivot). Das dem so ist, zeigen klinische Beobachtungen z.B. in der Akupunktur.

Wenn man diese 3 Yang und 3 Yin Leitbahnen nach taiyin/taiyang, shaoyin/shaoyang, Jueyin/Yangming entsprechend graphisch darstellt und die entsprechenden Organe dazu nimmt, ergeben sich die außerordentlichen Verbindungen der Zang-Fu. Es gibt 5 Zang und 6 Fu Organe.

Zang (Yin) Lu-Mi-He-Ni-(Pc)-Le

Fu (Yang) Bl-Dü-Gb-3E-Ma-Di

Pericard-Magen ist das zusätzliche Paar, damit sich ein 6:6 Verbindungsverhältnis ergibt.

Daraus ergeben sich die außerordentlichen Zang-Fu-Verbindungen

Lu-Bl / Mi-Dü / Ge-Gb / Ni-3E / Pc-Ma / Le-Di

Diese außerordentlichen Zang-Fu-Verbindungen, die sich aus der open-close-pivot-Theorie ergeben, gehören zum Kern der Master-Tung-Akupunktur.

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